Wissen · 7 Min. Lesezeit
Was kostet eine AR-Tour? Die Preislogik, die niemand erklärt
Arrion · 12. August 2026
Die kurze Antwort: Der deutsche Markt nennt für eine einfache AR-Anwendung rund 5.000 Euro und für aufwendigere Projekte 20.000 bis 30.000 Euro. Diese Zahlen helfen dir nur begrenzt, weil sie aus der App-Entwicklung stammen. Für ein Kultur- oder Kommunalprojekt gilt eine andere Logik — und die wichtigste Erkenntnis daraus ist: Nicht die Größe treibt den Preis, sondern der Inhalt und die Zahl der Beteiligten.
Arrion baut AR-Touren und 360°-Rundgänge — aus Gießen für ganz Hessen. Im Sommer 2026 haben wir unsere gesamte Preisstruktur von Grund auf neu gerechnet: jede Position mit Stunden hinterlegt, nicht geschätzt. Was dabei herauskam, hat unsere eigene Vorstellung deutlich korrigiert. Wir schreiben es hier auf, weil diese Rechnung im deutschen Markt nirgends zu finden ist.
Warum die Frage nach dem Preis fast nie beantwortet wird
Wenn du nach AR-Kosten suchst, landest du auf Seiten, die die Frage im Titel stellen und im Text ausweichen. Ein Anbieter für digitale Stadtführungen schreibt „ab wenigen Tausend Euro“. Ein anderer sagt, es gebe keinen Pauschalpreis. Für dich, der ein Budget aufstellen oder einen Förderantrag begründen muss, ist das wertlos.
Die brauchbarsten öffentlichen Zahlen kommen aus der App-Entwicklung: rund 5.000 Euro für eine einfache Anwendung, 20.000 bis 30.000 Euro für komplexere. Nimm sie als groben Rahmen — aber verstehe, was sie nicht abbilden: die inhaltliche Arbeit, die bei einem Kulturprojekt den Löwenanteil ausmacht.
Die Rechnung, die alles verändert hat
Wir haben drei reale Projekte vollständig durchgerechnet. Zwei davon sind für AR relevant:
Ein großes Kulturprojekt — Vorbild ist unsere Arbeit an der Grüninger Warte, der Ruine einer Windmühle von 1713 in Pohlheim bei Gießen: ein Gelände im Freien, ein Dutzend erzählter Stationen, die meisten davon vertont.
Ein kleines, inhaltsdichtes Kulturprojekt — Vorbild ist das Biedermeierzimmer im Museum für Gießen: rund 25 Quadratmeter, aber sechs Geschichten mit langen Texten, fünf davon vertont.
Das kleine Zimmer hat ein Sechstel der Fläche des großen Projekts. Man würde erwarten, dass es ein Bruchteil kostet. Das Ergebnis unserer Zeiterfassung:
- Der 25-Quadratmeter-Raum kostete in der Produktion rund das Zweieinhalbfache eines 120-Quadratmeter-Immobilienrundgangs.
- Er lag bei knapp drei Vierteln des großen Kulturprojekts — bei einem Sechstel der Fläche.
- Nach Quadratmetern kalkuliert, wie es in der Branche üblich ist, hätten wir an diesem einen Raum einen vierstelligen Betrag verloren.
Was das in Zahlen heißt
Deshalb kalkulieren wir nicht nach Fläche, sondern nach Erzählumfang. Als Orientierung, alles netto: Ein Erlebnisrundgang mit allen Infopoints und Vertonung beginnt bei 2.090 € für eine Einheit, mehrere Bereiche ab 2.690 €, ein ganzes Objekt ab 3.790 €. Eine AR-Tour entsteht auf diesem Rundgang und kommt mit Einmessen, Testfahrten und 3D-Inhalten hinzu: Rechne mit einem hohen vierstelligen bis niedrigen fünfstelligen Betrag, je nach Umfang, Inhalten und Rekonstruktionen. Den genauen Preis nennen wir nach Konzept und Ortstermin — eine Pauschale wäre geraten. Dein Vorhaben kannst du im Angebots-Tool vorab zusammenstellen.
Der Grund: die Grundlast
Fünf Posten fallen bei jedem Projekt an, unabhängig von der Größe: Angebot und Projektkommunikation, Rüstzeit vor und nach dem Termin, Fahrzeit, Freigabeschleifen mit der Organisation und ein Nachbesserungsrisiko. Beim kleinen Raum machte diese Grundlast mehr als die Hälfte der Gesamtzeit aus, beim großen Projekt gut ein Drittel. Deshalb wird ein kleines Projekt relativ teuer — nicht weil jemand zu viel verlangt, sondern weil sich die Grundlast auf weniger Inhalt verteilt.
Der teuerste Posten ist die Abstimmung
Die Freigabeschleifen sind in der Kalkulation die teuerste Einzelposition überhaupt. Mehr als die komplette Zeit vor Ort bei einem Immobilienprojekt. Und sie hängt nicht an der Objektgröße, sondern an der Zahl der Menschen, die mitreden.
Der teuerste Fehler, den wir dazu intern dokumentiert haben: Bei einem Projekt kamen die Texte von zwei Personen derselben Organisation, und niemand wusste, welche Fassung galt. Das kostet keine Technik, das kostet Stunden — und es passiert genau dann, wenn eine Einrichtung engagiert und begeistert ist und deshalb mehrere Fachleute mitschreiben lässt.
Wie du den Preis wirklich senkst
- Einen Ansprechpartner mit Entscheidungsbefugnis benennen. Das ist der wirksamste Hebel überhaupt, und er kostet dich nichts. Nicht „das Team schaut drüber“, sondern eine Person, die freigibt.
- Texte vorher intern abstimmen. Wenn die Inhalte fertig und freigegeben ankommen, fällt der größte variable Block weg.
- In Stufen bauen. Erst die Grundtour, Vertonung und zusätzliche Stationen später. Die Grundlast fällt dann zwar erneut an, aber du verteilst die Ausgabe über zwei Haushaltsjahre — was bei Förderprojekten oft entscheidend ist.
- Mehrere Objekte zusammenlegen. Anfahrt und Rüstzeit fallen dann einmal statt dreimal an. Bei Kommunen mit mehreren Denkmälern ist das der größte Einzelhebel.
Was du beim Vergleich von Angeboten fragen solltest
- Wie viele Abstimmungsrunden sind enthalten, und was kostet die nächste?
- Wer schreibt die Texte — ihr oder wir?
- Was kostet der Betrieb pro Jahr, und was passiert, wenn wir kündigen?
- Können wir Inhalte später selbst ändern, oder braucht es dafür jedes Mal den Anbieter?
Die letzten beiden Fragen sind die, die nach drei Jahren über die Gesamtkosten entscheiden — und die in Angeboten am seltensten beantwortet werden. Mehr dazu im Artikel über die digitale Rekonstruktion und über Fördermittel.
Häufige Fragen
Was kostet eine AR-Tour?
Für eine einfache Augmented-Reality-Anwendung nennt der deutsche Markt rund 5.000 Euro, für aufwendigere Projekte 20.000 bis 30.000 Euro. Diese Zahlen stammen aus dem App-Entwicklungsumfeld und sind für Kultur- und Kommunalprojekte nur bedingt übertragbar. Der Preis hängt weniger an der Fläche als am Inhalt: Zahl der Stationen, Aufwand der 3D-Rekonstruktion, Umfang der Texte und Vertonung, und vor allem an der Zahl der Abstimmungsrunden.
Warum kostet ein kleines Projekt fast so viel wie ein großes?
Weil ein erheblicher Teil des Aufwands unabhängig von der Größe anfällt: Angebot, Abstimmung, Anfahrt, Rüstzeit, Freigabeschleifen und Nachbesserung. Bei unseren eigenen Projekten macht diese Grundlast beim kleinsten Rundgang mehr als die Hälfte der Zeit aus, beim größten noch gut ein Drittel.
Was ist der teuerste Einzelposten?
Nicht die Technik, sondern die Abstimmung. In unserer Kalkulation ist die Freigabeschleife mit der Organisation die teuerste Einzelposition überhaupt — teurer als die gesamte Zeit vor Ort bei einem Immobilienprojekt. Sie hängt nicht an der Objektgröße, sondern an der Zahl der Beteiligten. Wer den Preis senken will, benennt einen einzigen Ansprechpartner mit Entscheidungsbefugnis.
Gibt es Fördermittel für AR-Projekte?
Ja, aber sie heißen selten „AR“. Einschlägig sind Programme zur Digitalisierung kulturellen Erbes auf Landesebene, die Förderung der Museumsverbände sowie LEADER-Regionalbudgets für Kleinprojekte. Wichtig ist die Reihenfolge: erst Konzept und Kostengliederung, dann Antrag, dann Beauftragung. Wer vorher beauftragt, verliert häufig die Förderfähigkeit.
Quellen
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